Mittwoch, 8.6.2016

Prof. Dr. Lisa Matthewson:
Können alle Sprachen dieselben Bedeutungen ausdrücken?

Menschliche Sprachen unterscheiden sich in den Bedeutungen, die sie markieren. Beispielsweise drückt das Deutsche in den Formen der Wörter Tempus und Definitheit aus, wie in (1) und (2).

(1) Ich habe Hunger ≠ Ich hatte Hunger.

(2) die Person, die ich liebe ≠ eine Person, die ich liebe

In vielen anderen Sprachen ist das nicht der Fall. St’át’imcets (eine Sprache der Salishen-Familie, von Ureinwohner im Südwesten von Kanada gesprochen) drückt weder Tempus noch Definitheit aus. Der St’át’imcetse-Satz in (3) berichtet von entweder gegenwärtigem oder vergangenem Hunger, und (4) lässt offen, ob die Sprecherin eine oder mehrere Personen liebt.

(3) Táytkan. [wörtlich: “hungrig-ich”]

      ‘Ich habe/hatte Hunger.’

(4) ta ucwalmicwa ta xweysána [wörtlich: “die/eine Person die liebe-ich”

      ‘die/eine Person, die ich liebe’

Deutsch ist allerdings nicht immer genauer als St’át’imcets. Der deutsche Satz in (5) ist akzeptabel, sowohl, wenn die Sprecherin die Abfahrt persönlich gesehen hat als auch, wenn sie durch einen zuverlässigen Bericht davon gehört hat, oder auch wenn sie die Tatsache nur aus Hinweisen folgert (wie z.B. die Abwesenheit seines Autos).

(5) Er ist abgefahren.

In St’át’imcets andererseits markiert man grundsätzlich, woher man weiß oder warum man annimmt, dass etwas so ist, wie man es sagt. Dies sieht man in (6).

(6) a. Qwatsáts. [wörtlich:“abfährt”]

     ‘Er ist abgefahren’ (persönlich gesehen)

     b. Qwatsáts-ku7. [wörtlich: “abfährt-gemäß.Bericht”]

     'Er ist abgefahren’ (z.B. durch eine zuverlässige Quelle davon gehört)

     c. Qwatsáts-k’a. [wörtlich: “abfährt-als.Schlussfolgerung”]

     ‘Er ist abgefahren’ (z.B. aus der Abwesenheit des Autos gefolgert)

In diesem Vortrag gebe ich eine Übersicht über solche Unterschiede zwischen verschiedenen Sprachen, wobei ich besonders auf die Sprachen der Ureinwohner von Nordamerika eingehe. Dann gehe ich der Frage nach, ob Sprecher verschiedener Sprachen alle in der Lage sind, dieselben Bedeutungen auszudrücken. Ich entwickle den Standpunkt, dass Sprachen sich zwar darin unterscheiden, welche Bedeutungen ihre Sprecher ausdrücken müssen und wie sie diese Bedeutungen ausdrücken, dass Sprachen sich aber nicht darin unterscheiden, welche Bedeutungen ihre Sprecher ausdrücken können.

Zur Person: homepage

Ort: Dorotheenstrasse 24, 10117 Berlin, Raum 1.101
Zeit: 18.15 Uhr

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Gemeinsame Vortragsreihe von
ZAS Berlin, Institut für deutsche Sprache und Linguistik der HU Berlin und Institut für Philosophie der HU Berlin

Ort: Dorotheenstraße 24, 10117 Berlin, Raum 1.101
Zeit: 18:15 Uhr